Landarzt aus Leidenschaft



Anders ist die Kurve nicht zu kriegen, so der einhellige Tenor bei den Damen und Herren in Weiß. Wer sich auf dem platten Land, im Wald oder den Bergen mit einer Praxis etabliert, der muss wissen auf was er sich einlässt. Patienten – ja die gibt es genügend, aber nicht vor der Haustür oder hinter der nächsten Straßenecke. Der Landarzt von heute unterscheidet sich nur unwesentlich von seinen städtischen Kollegen. Von wegen Landei, das in idyllischer Umgebung Händchen hält, Blutdruck misst, ein wenig Seelenmassage betreibt und nebenher ein paar Pillen oder eine Gymnastik verschreibt.

Landärzte sind das geblieben was sie immer waren – Frontärzte und Vollblutmediziner mit der Natur eines Kaltblutpferdes; sechzig Stunden und mehr die Woche im Einsatz, unermüdlich, duldsam und dabei von einem freundlichen Wesen, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Landarzt, das kann man nicht lernen, wenn auch einschlägige TV-Serien gerne diesen schwülstigen Eindruck vermitteln. Die echten Doc’s haben für derartige Seichtigkeiten nur ein müdes Lächeln übrig.

Das Arbeitsleben eines Landarztes besteht in erster Linie aus dem Dasein für seine Patienten. Je nach Region sind das mehrere Hundert bis hin zu Tausend oder mehr. Die wollen und müssen alle betreut werden. Der Großteil marschiert über das Quartal in der Praxis auf, wo neben dem Chef noch Sprechstundenhilfen beschäftigt sind.
Ohne die geht es nicht. Oftmals assistiert auch noch die Ehefrau, wenn die eigenen Kinder groß genug sind sich selbst zu versorgen. Daher findet sich beim Landarzt die Praxis fast immer im eigenen Haus. Diejenigen, die sich nicht aus eigener Kraft oder fremde Hilfe in die Landarztpraxis begeben können, sucht der Mediziner nach einem festen Besuchsterminplan auf, akute Fälle ausgenommen.

Da sind fünf bis acht Termine pro Tag durchaus die Norm. Ohne Automobil ist das nicht zu schaffen, denn ein Landarzt versorgt medizinisch meist mehrere Dörfer oder Gemeinden im ländlichen Raum. Da heißt es präsent sein, auf dem Quivive, im wahrsten Sinne des Wortes allzeit bereit. Schließlich vertrauen die Patienten ihrem Doktor, und wenn Nachts um zwei der herzkranke Patient x oder die gehbehinderte Patientin y einen Notruf absetzt, kann sich der Doc nicht im Bett umdrehen, sich auf sein Recht auf Nachtruhe berufen. Und das zu jeder Jahreszeit.

Landärzte sind jedoch weitaus mehr als "nur" Mediziner; sie sind Seelentröster, Beichtväter und Mütter, Berater in Lebensfragen und – sie sind nicht selten die einzigen Freunde und Ansprechpartner, die den Alleinstehenden Patienten draußen auf dem Land geduldige Zuhörer, den kleinen Patienten Spielkameraden und den Praxispatienten Arzt und Helfer in oftmals schwierigen Lebenslagen sind. Die Herzlichkeit der Menschen in den Dörfern auf dem Lande ihrem Doktor gegenüber ist sprichwörtlich. Der Mann ist bekannt wie ein Filmstar, dabei aber bescheiden ohne jegliche Allüren.

"Das ärztliche Handwerk kann ich lernen und vervollkommnen, alles andere muss in mir drin sein, sonst wird das nichts" so ein befragter Doktor zu seinem Arztleben auf dem Lande.

"Für mich ist Landarzt sein Passion, Berufung. Ich könnte nie etwas anderes tun. Die Nähe zu den Menschen, das herrliche Gefühl gebraucht zu werden, Gutes und Sinnvolles am Nächsten tun zu können, das ist mehr als man sich in seinen Träumen vorstellen kann." Seine Hausbesuchpatientin an diesem Tag, eine rüstige Dame jenseits der Achtzig, lächelt sanft, derweil der Doc ihre Atmung, den Herzschlag und die Lungenfunktion abhört. "Hört sich gut an, wer weiß wie das bei mir ausschaut, wenn ich die Jahre voll habe" schmunzelt er mit gütigem Blick.
Der Blutdruck stimmt ebenfalls, aber eine Blutentnahme erscheint sinnvoll, weil die Patientin über eine gewisse Müdigkeit und Schlappheit klagt. Das könnte verschiedene Ursachen haben, eine Blutprobe kann da Hinweise auf Mangelerscheinungen oder eine Erkrankung geben.

Das Patientenblatt erhält an diesem Tag weitere Eintragungen, alles handschriftlich vom Doktor selbst. "Eine Sprechstundenhilfe zu Hausbesuchen mitnehmen – dann müsste ich die Praxis schließen. Undenkbar. Und eine zweite Hilfe kann ich mir nicht leisten. So sieht es in der Realität aus." Und schon steht er wieder ganz seiner Patientin zur Verfügung, erklärt behutsam und bedächtig die Wirksamkeit der Medikamente, reagiert gelassen auch auf mehrmaliges Nachfragen und verpasst – da er nun schon mal im Hause ist, ihrem Sohn gleich eine Auffrischungsspritze in den Allerwertesten. Und er empfiehlt auch stationäre Behandlung, wenn er es für die Gesundheit seiner Patienten angebracht erscheint. "Landarzt sein bedeutet auch auf unterschiedliche Situationen richtig zu reagieren.

Ein Mensch, dem ich durch meine Arbeit zu ein wenig mehr Zufriedenheit und Wohlbefinden verhelfen kann, ist für mich so was wie ein Lottogewinn." Apropos Gewinn, wie reich wird man eigentlich als Landarzt, sei an dieser Stelle abschließend gefragt. "Unendlich reich an Gefühlen und seelischen Zuwendungen. Die sind mit allem Geld und Gold der Welt nicht aufzuwiegen".

Doch von Gefühlen und seelischen Zuwendungen allein kann weder ein Landarzt, noch die Sprechstundenhilfe leben. Es geht auch bei noch so viel Passion, Idealismus und Berufung in letzter Konsequenz um Bares, um die Knete.

Abgerechnet wird nach Punkten, die werden von den Kassen vergeben, nach einem festgelegten System. Für einen Hausbesuch kommen rund 400 Punkte zusammen, der Punkt für 3,5 Cent. Macht nach Adam Riese 14 Euro. Bei fünf bis acht Hausbesuchen am Tag summiert sich das auf 70 bis 112 Euro – brutto. Davon sind zu zahlen das Kraftfahrzeug, die Sprechstundenhilfe, die eigenen zusätzlichen Aufwendungen und die Steuer. Was da übrig bleibt kann sich jeder selbst ausrechnen.

"Zum dritten Quartal wird es dann oftmals eng – da arbeite ich plus minus Null. Aber ich habe mich arrangiert und mein Auskommen gefunden. Schließlich bin ich Landarzt."

Alles aus Leidenschaft.

Nach der eigenen Zukunft und seinem möglichen Nachfolger befragt macht der Doc ein nachdenkliches Gesicht.

"Wir Landärzte vom alten Schlag sind eine aussterbende Spezies. Uns wird es in Zukunft so nicht mehr geben. Der Wettbewerbsdruck ist einfach zu hoch. Klinikketten – MVZ – Medizinische Versorgungszentren, alles an einem Ort konzentriert. Wie soll ich da als Einzelkämpfer gegen anrennen? Ein Kollege nach dem anderen gibt seinen Arztsitz auf, verkauft ihn an einen der großen Klinikkonzerne aus Altersgründen oder mangels Nachfolger. Der Clou an der Sache ist der, dass die Klinikketten ihre MVZ eben nicht dort etablieren wo sie gebraucht werden, nämlich auf dem Land oder hinter den Bergen, da wo die ländlichen Patienten leben.

Die haben dann erhebliche Fahrtstrecken zu bewältigen oder können sich gleich stationär einweisen lassen, weil ihnen das Geld für die anfallenden Fahrten fehlt. Als erste blieben die Alten auf der Strecke, bei denen die Rente oftmals nur zum Überleben reicht. Was bleibt mir letztlich für eine Wahl, wenn sich kein Nachfolger findet? Ich möchte auf meine alten Tage den verdienten Ruhestand genießen.

Das ist doch nur verständlich. Andererseits kann ich meine Patienten nicht im Stich lassen. Solange es die eigene Gesundheit zulässt, werde ich für sie da sein. "

Eben – ein Landarzt aus Leidenschaft.



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Textzusammenstellung: © Ermasch - Presse - Service, Schäffler / Hans Joachim Rech
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Quelle: © EPS-Schäffler

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